50 Jahre Frauenstimmrecht – schon wieder so ein Jubiläum?!

Erinnerungen und Gedanken einer (knapp) Ü65

Ich war ziemlich genau 15 Jahr alt, als die Schweizer Männer über die Einführung des Frauenstimmrechts abstimmten. Meine Grossmutter, eine resolute Frau, war überzeugte Gegnerin. Was meine Mutter dachte, daran kann ich mich nicht erinnern, vermutlich war sie eher dafür, aber gut möglich, dass sie – um Diskussionen (gleichgesetzt mit Streit) aus dem Weg zu gehen – möglichst nichts dazu sagte. Aber sobald sie das Stimmrecht hatten, gingen beide Frauen regelmässig und mit grösster Selbstverständlichkeit an die Urne.

Auch an andere – heute fast nicht mehr vorstellbare Diskussionen – kann ich mich noch lebhaft erinnern. Ich war ca. 16 Jahre alt, als heftig über das Konkubinatsverbot (kennen Sie das Wort noch?) bzw. dessen Aufhebung diskutiert wurde.

Oder stellen Sie sich vor: Weil ich nach der Sekundarschule ins Mathematische Gymnasium wechseln wollte, musste ich als Mädchen ein Gesuch stellen, damit ich anstelle der Handzgi (Nähen von Schürzen, Stricken von Socken und Häkeln von Schoppenwärmern!) mit den Buben deren zusätzlichen Geometriestunden besuchen durfte (der Schoppenwämer blieb deswegen zwar ein unvollendetes Werk, aber meine beiden Kinder sind trotzdem gross geworden).

In der Studienzeit war dann schon vieles anders, aber auch in dieser Zeit gab’s noch wundervoll hitzige Diskussionen über die «Natur» der Frau (was eher mit «beschützenswert» als «kämpferisch» gleichgesetzt wurde) und den zum Geschlecht gehörenden bzw. passenden Eigenschaften. Meine Argumentation, dass sich diese «Natur» ja auch ohne äussere Zwänge durchsetzen würde und es daher absolut «ungefährlich» wäre, Mädchen/Frauen – und auch Buben/Männern – die Möglichkeit zu geben, sich gemäss Ihren persönlichen Fähigkeiten und Eigenheiten zu entwickeln, statt nach irgendwelchen geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln, fand nicht immer Gehör.

Später erlebte ich dann Situationen, in denen Männer sich nicht mehr getrauten ihre Meinung frei zu sagen, weil das Thema als «wichtig für Frauen» eingestuft war und sie befürchteten, kritische Fragen oder Bemerkungen zum Thema könnten als «frauenfeindlich» empfunden werden.

Und irgendwann wechselten plötzlich Spielsachen ihre Farben – zum Beispiel von geschlechtsneutral gelb/rot zu rosa/weiss. Und bei Erwachsenen wurden wieder vermehrt «männer- oder frauenspezifische» Sichtweisen hervorgehoben, statt einfach «persönliche» Sichtweisen – was mir besser zusagt.

Diese kleinen Erinnerungen zum Thema Gleichberechtigung sind natürlich persönlich gefärbt. Auch die Vorstellungen von Gleichberechtigung und die Haltungen dazu sind sehr unterschiedlich sowie einem stetigen Wandel unterworfen. Was vor 50, 40, 30 Jahren noch mehrheitlich als normal und gerecht empfunden worden ist, kann heute Kopfschütteln oder Schmunzeln auslösen. Und was wir heute als gerecht akzeptieren löst vielleicht in 20, 30, 40 Jahren Kopfschütteln oder Schmunzeln aus?

Auf jeden Fall bleibt es eine spannende Herausforderung gesellschaftliche, politische und gesetzliche Lösungen anzustreben, welche mehrheitlich als gerecht empfunden werden – zumindest zurzeit. Der Blick zurück – und damit schliesst sich der Kreis – auf diese wichtige Abstimmung vor 50 Jahren und die Auseinandersetzung mit den damaligen, so ganz anderen, gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, kann dabei helfen, indem es unseren Horizont erweitert und dazu beiträgt, den Blick für Ungerechtigkeiten zu schärfen.

Literatur zum Thema finden Sie u.a. auch in der RWI-Bibliothek (Schlagwortsuche: Frauenstimmrecht Schweiz, Filter: RWI-Bibliothek).

Und in Worblaufen in der Nähe von Bern, gibt es ein spezielles Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, die Gösteli-Stiftung: https://www.gosteli-foundation.ch/de

Die UZH widmet dem Thema dieses Semester eine Ringvorlesung : https://www.uzh.ch/cmsssl/de/outreach/events/rv/2021fs/uzhi-frauenstimmrecht.html

Das Zentrum für Demokratie in Aarau (https://www.zdaarau.ch/) befasst sich an den diesjährigen Demokratietagen mit dem Thema Frauen und Politik.

Das Landesmuseum spannt in seiner aktuellen Ausstellung den Bogen noch weiter: Von der Aufklärung bis zur Gegenwart: https://www.landesmuseum.ch/frauenrechte

 

Mit diesem Blogbeitrag verabschiedet sich unsere langjährige Fachreferentin für Öffentliches Recht.