Neuer Zürcher universitärer Hotspot: Forum UZH an der Kulturmeile

Reflexionen über das aktuelle Jahrhundertprojekt Forum UZH an der Rämistrasse

Herzog & de Meuron und das Forum UZH

Die Rämistrasse wird zur neuen universitären Kulturmeile in einem Jahrhundertprojekt umgebaut. Die Stichworte Öffnung, Permeabilität/ Porosität, Flexibilität bei klarster, funktionaler und ästhetischer Gliederung kennzeichnen das nicht nur für Zürich, sondern weit darüber hinaus bedeutende Bauprojekt Forum UZH der Weltarchitekten Herzog & de Meuron (H&deM). Letztere wurden im Jahre 2001 mit dem Pritzkerpreis, dem „Nobelpreis für Architektur“, ausgezeichnet.

Der Leistungsausweis von H&deM lässt die Erwartungen in die Höhe schnellen: Allein in der Schweiz sind es nach meinen Berechnungen an die 200 Projekte, welche sie bisher geschaffen haben – zumindest als Projektierungen –, zum grossen Teil öffentliche Bauten und Firmengebäude. Ihr Erfahrungshorizont erstreckt sich auf über 40 Jahre. Das erste Projekt realisierten sie 1978 in Riehen und bereits ihr übernächstes war eine öffentliche Ausschreibung, bei der sie den ersten Rang belegten – notabene der Marktplatz in Basel – auch ein Forum. Zu den von H&deM geplanten Gebäuden im Bildungsbereich gehören drei Bibliotheken – Eberswalde, Cottbus und die Nationalbibliothek Israels – sowie drei universitäre Projekte, von denen eines umgesetzt wurde (Skolkovo), ausserdem über dreissig Museen. Daneben sind sie rege publizistisch und in der Lehre tätig. Architektur geht dabei weit über den reinen Baukontext hinaus – siehe beispielsweise ihren Aufsatz in „Wohin treibt die Schweiz?“. Während zwei Jahrzehnten führten sie das ETH Studio Basel, welches sich in erster Linie mit Fragen der Stadtentwicklung beschäftigte.

Zu H&deM
www.herzogdemeuron.com
Herzog & de Meuron, 1978–1996, 2018, 3 Bände (Paperback)
Wohin treibt die Schweiz?: zehn Ideen für eine bessere Zukunft. hg. von J.Paucker et al., 2011
C. Schaub, M. Schindhelm, Bird’s Nest – Herzog & de Meuron in China, 2008 (DVD)
SRF Sternstunde: Jacques Herzog „Architektur ist Erkenntnis“

Forumsarchitektur: Reflexionen

Das Forum UZH stellt nicht nur ein Bekenntnis zur Daten-, sondern weiter noch zur Wissens-Gesellschaft dar – im demokratischen Sinn –, und ein Plädoyer für die Universität als umfassendes, gesellschaftlich relevantes Bildungsgefüge. Durch die starke Berücksichtigung vor allem der Quartierbewohner, aber nicht nur, bei der Planung und der Öffnung der Universität für die Bevölkerung (lebenslange Weiterbildungsangebote, Sport und Gastronomie) wird citizen science im weitesten Sinn und eine offene Universität ermöglicht (Partizipationsgedanke).
Bei einem Investitionsvolumen von 500 Mio. Franken ist es Verpflichtung und Ansporn zu Höchstleistung zugleich – einzelner Individuen oder in Teamarbeit. Gerade bezüglich des letztgenannten Aspektes könnte Herzog/deMeuron als Rollenmodell betrachtet werden. Dies wird auch bereits theoretisch erforscht (siehe S. Seifert et al., URBAN RESET, 2012, 41ff.). Vom zugrundeliegenden Konzept her sticht der Kommunikations- und Vernetzungsaspekt heraus – und dieser ist hervorragend architektonisch umgesetzt, dadurch z.B. dass alle wesentlichen Raumtypen eine offene, transparente Seite aufweisen, auch die Seminarräume.

Forum

Das über mehrere Ebenen erreichbare Forum – besonders gelungen der Zugang von der Rämistrasse her in den Gebäudekomplex – ist die zentrale Drehscheibe: für Begegnung und Aufenthalt – auch für alle Besucher und Besucherinnen (offene Universität), gleichzeitig auch Arbeits- und Veranstaltungsort (Stichwort Flexibilität). Angelehnt an den Lichthof der „alten“ Universität, ist das neue Forum zwar auch ein grosser innerer Raum, aber eigentlich vielmehr eine Schaltstelle – mit Glaswand und Ausgang zu einem Garten (!) im Gebäudekomplex und Überquerungsmöglichkeiten über den Raum hinweg mittels Passerellen (Vernetzungsgedanke). Gerade durch das Forum und v.a. dessen Höhe wird ein Gefühl der Erhebung ausgelöst, was nach wie vor essentiell ist bei Bibliotheksräumen oder Universitätsgebäuden.

Interinstitutionelle Synergien und Kulturmeile

Die neu institutionell verstärkte Kooperation der drei universitären Institutionen UZH, USZ und ETH wurde konzeptuell in einem Masterplan entwickelt und verabschiedet. Die erwähnte Kulturmeile wird deren städtebauliche Realisierung sein, wozu Herzog & de Meuron die Voraussetzung auf baulich-landschaftgestalterischer Ebene geschaffen haben – zusammen mit Michel Desvignes, einem der bedeutendsten Landschafts- architekten Europas.

Nicht zuletzt sollte ein Gebäude immer auch neben dem Funktionalen schön-attraktiv sein, sodass es von den Nutzern und Nutzerinnen angenommen wird – in individueller Wahrnehmung (allenfalls intersubjektiv verknüpfbar und theoretisch unterlegt) durch die
daran Interessierten, wie Jacques Herzog sinngemäss im oben zitierten SRF-Interview erwähnte. Dieser Prozess kann bereits vor dem Bau beginnen – ganz in diesem Sinne der vorliegende Blogpost, der zu weiteren Gedanken anregen möchte – z.B. wie die Bibliotheken in der Kulturmeile vernetzt und positioniert werden können.

Literaturempfehlungen, Ausstellung
Weissbuch: Hochschulgebiet Zürich Zentrum https://are.zh.ch/internet/baudirektion/are/de/raumplanung/gebietsplanungen/hochschulgebiet_zh/weissbuch.html#a-content (PDF).
URBANRESET: Freilegen immanenter Potentiale städtischer Räume, hg. v. R.
Seifert et al., 2012.
Alle im Blogpost genannten Werke sind im NEBIS-Katalog bestell- und ausleihbar.
Ausstellung zum Hochschulgebiet Zürich Zentrum – mit Stadtmodellen und Film: Amtshaus IV, Lindenhofstrasse 19, 8001 Zürich, Mo-Fr 8-17 h, noch bis 8.2.2019.

 

Komplexe Rämi-Gloriastrassen-Situation heute
Hochhaus-/Gloriastrassengebiet heute
Nach Transformation durch Herzog&de Meuron. Copyright Herzog&deMeuron.
Wässerwies heute
Schanzenberg heute.
Fotos 1, 2, 4, 5 copyright  Martin Kurz

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