Die Leiden des jungen Michals

Die Leiden des jungen Michals – und diejenigen der Benutzer der Bibliothek
Ein Beitrag von Allan Pospisil

Ein Kapitel in der Geschichte des RWI ist nun abgeschlossen. Der „himmlisch-duftende“ junge Tscheche, Michal, ist mit dem Bus nach Hause abgereist. Die Studierenden im RWI werden nun hoffentlich wieder ihre Ruhe finden. Und hoffentlich auch er.

Das Bibliotheksteam konnte anfangs mit dem rätselhaften Benutzer nicht in Kontakt treten, er schien keine unserer Landessprachen zu verstehen, auch Englisch nicht. Irgendwann wurde klar, dass er meine Muttersprache, tschechisch, sprach, und dadurch konnte ich mit ihm reden und ihn ein bisschen kennenlernen. Ich möchte hier etwas über seine Geschichte erzählen.

Michal, ein sehr sportlicher 26-jähriger arbeitsloser Koch, der weder Drogen noch Alkohol konsumiert und eine grundehrliche Lebenshaltung vertritt, hat sich vor etwa fünf Monaten von seiner Freundin getrennt. Mit wenig Geld in der Tasche ist er aus Tschechien mit seinem Velo auf eine Reise durch Europa aufgebrochen. Zuerst durch die Slowakei, dann nach Ungarn zum Baden im Balaton. Weiter reiste er nach Österreich und in die Alpen. Sportlich wie er ist, hat er viele Berge erklommen und Gegenden kennengelernt, von deren Anblick wir nur träumen oder auf Fotos sehen. Seine Reise führte ihn dann nach Italien zum Meer und weiter kreuz und quer durch verschiedene Teile Europas.

Übernachtet hat er immer im Schlafsack in einem kleinen Zelt, welches er jeweils abends irgendwo versteckt aufstellte, frühmorgens wieder einpackte und unter Sträuchern im Gebüsch unsichtbar verstaute. Ernährt hat er sich vor allem von Brot und preislich herabgesetzten Esswaren, wie etwa Salami – und von Essensresten, welche andere nicht mehr wollten oder weggeworfen hatten. Sicher ein spezielles, aber auch ein sehr abenteuerliches Leben mit vielen Eindrücken und Erlebnissen – und auch Entbehrungen.

Seine Reise endete in Zürich. Da er kein Geld mehr hatte und sein Vater ihn nicht wie abgemacht abholen konnte, wusste er nicht, wie er wieder nach Tschechien zurückkehren sollte. Für das Velofahren war es jetzt zu kalt und er war auch zu schwach, unterernährt und erschöpft. Seine Körperhygiene liess sehr zu wünschen übrig, aber ohne Geld konnte er sich und seine Wäsche nur in öffentlichen Lavabos waschen. Zu kostenpflichtigem Duschen oder Wäschewaschen reichte es leider nicht mehr. Er brauchte Wärme und in der RWI-Bibliothek fand er schliesslich ein warmes Plätzchen.

Die Studierenden haben sich über ihn natürlich sehr beschwert und waren über seine Ausdünstungen empört – was auch verständlich ist. Er war hoffnungslos und wusste selbst nicht mehr, wie es weiter gehen sollte. Nun konnte er mit Hilfe einiger Freiwilligen, die Kleider und ein Busticket spendeten, in seine Heimat zu seiner Familie zurückkehren.

Euer Allan Pospisil

Bus_nach_Tisnov

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